Erfahrungsbericht eines multimorbiden Patienten, mit Überlebenshilfen für alte Menschen
Bevor ich meinen Unfall hatte, habe ich eine problematische Aussage gemacht, in einem Gespräch mit Freundin R., die noch früher als ich multimorbid wurde und eine behinderte Tochter hat. Sie führte des Öfteren Klage über Missstände im Gesundheitswesen. Irgendwann meinte ich dazu, es sei Jammern auf hohem Niveau. Seit dem Unfall nun bitte ich R. öfter um Rat, wie ich in diesem Gesundheitssystem bekomme, was es mir nicht geben will. R. erwähnt jedes Mal mein „Jammern auf hohem Niveau“.
Tatsächlich gibt es gute soziale Rechte, die man in Deutschland haben kann. Das Problem für alte und kranke Boomer ist nicht, dass es hierzulande keine Möglichkeiten gäbe, Menschen zu helfen. Unser Problem ist, in den Genuss dieser Möglichkeiten zu kommen. Ausgerechnet wir selbst. Vor allem, wenn wir krank sind und wenig Möglichkeiten haben, Rechtsstreitigkeiten zu führen.
Nach meinen Erfahrungen der letzten Monate frage ich mich manchmal: wie alte Leute, die weder Juristen noch Ärzte sind noch welche persönlich kennen, wie die ihre letzten 10 bis 20 Jahre wohl halbwegs vernünftig überleben können. Ich weiß es nicht. Ich selber schaffe es höchstens gerade so eben.
Das Diktat der Fallpauschalen und das umgekehrte Leistungsprinzip
Wenn Sie mal im Krankenhaus liegen, halb tot entweder mit furchtbaren Schmerzen, oder in Dämmerzustand unter dem Einfluss von Opiaten, wird es öfter passieren, dass eine Ärztin zur Visite vorbeikommt und Ihnen mitteilt, dass Sie am nächsten Morgen entlassen werden. Wenn sie Glück haben, geht in Ihrem Kopf ein Sturm los: wie soll ich überhaupt hier wegkommen, wohin soll ich dann gehen, was passiert anschließend mit mir, da ich nicht mal allein auf Toilette gehen kann? Fragen, für die die Ärztin nicht zuständig ist. Zuständig ist eigentlich der Sozialdienst des Krankenhauses, der aber keine Zeit für Sie hat. 24 Stunden später liegen Sie zu Hause oder bei einem mit Ihnen verbundenen Mitmenschen und müssen zusehen, wie Sie jetzt Ihr Leben organisiert bekommen.
Für die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus zählt nämlich nicht, wie es Ihnen geht. Maßgebend ist die Fallpauschale. Die Fallpauschale ist ein Geldbetrag, der an eine Diagnose oder Operation gekoppelt ist. Bei einem mehrfachen Bruch des Beckens zum Beispiel, bei dem nichts operiert werden muss, bekommt das Krankenhaus Geld für 6 oder 7 Tage. Wenn das Krankenhaus Sie kürzer behandelt, verdient es Geld, wenn es Sie länger behandelt, verliert das Krankenhaus Geld. Da die meisten Krankenhäuser Privatunternehmen sind, sind sie verpflichtet, Geld zu verdienen. An Ihnen. Das Gehalt der leitenden Ärzte in Krankenhäusern enthält variable Bestandteile, die an die Rentabilität ihrer Abteilung gekoppelt sind. Früher war es oft so, dass die Oberärzte oder Chefärzte die Rettung mancher Patientin waren. Heute sagen sie den Assistenzärzten, wann sie welche Patienten zu entlassen haben. Fallpauschalen sind meistens altersunabhängig. Egal ob ein Patient 18 oder 80 Jahre alt ist, es gibt für seine Behandlung das gleiche Geld. Egal wie lange sie dauert. Übrigens verdient das Krankenhaus vor allem mit Operationen. Es ist oft gefährlich, eine Diagnose zu haben, bei der nicht operiert werden muss.
Man kann sich diese Fallpauschalen im Internet ansehen. Den Fallpauschalen-Katalog für 2026 findet man hier: https://www.g-drg.de/ag-drg-system-2026/fallpauschalen-katalog/fallpauschalen-katalog-2026 . In diesem Dokument gibt es eine Spalte „mittlere Verweildauer“, die einen Anhaltspunkt dafür gibt, wie viel Geld ein Krankenhaus für die Behandlung einer bestimmten Diagnose oder OP bekommt. Wenn man 2 oder 3 Seiten davon gelesen hat, weiß man, dass es für Behandlungen mit vielen Komplikationen mehr Geld gibt, als für Behandlungen mit wenigen oder gar keinen Komplikationen.
Normalerweise ist es im Kapitalismus empfehlenswert, den eigenen Zustand möglichst optimistisch einzuschätzen und sich vieles zuzutrauen. Diese Haltung muss man sofort ablegen, sobald man über die Schwelle des Krankenhauses getragen wurde. Sonst läuft man Gefahr, insbesondere als alter Mensch, viel zu früh nach Hause geschickt zu werden. Empfehlenswert ist vielmehr, kein Problem zu übersehen, das man haben könnte, und bei jeder Visite einen Spickzettel mit sämtlichen Beschwerden parat zu haben. Mitleid mit sich selbst oder mit der Ärztin in dieser Situation kann tödliche Folgen haben. Richtig für die Krankenhaus-Patientin ist das umgekehrte Leistungsprinzip: je schwieriger man ist, desto besser. (Solange Ihre Beschwerden in den Fallpauschalen und im Angebot des Krankenhauses abgebildet sind.)
Man sollte wissen, dass es nach Operationen oft noch die Möglichkeit einer „geriatrischen Frührehabilitation“ gibt, für Personen, die über 65 Jahre alt sind. In einer besonderen Abteilung des Krankenhauses wird man weiter behandelt und bekommt dort zum Beispiel Physiotherapie und Massage. Man kann seine Überlebenschancen damit erheblich steigern. Auch dort gibt es selbstverständlich Fallpauschalen und eine erwünschte kurze Verweildauer. (Wenn man eine nicht geriatrische Rehabilitation im Krankenhaus bekommen kann, ist das meistens besser. Auch das muss man wissen.)
Sancta Buerocratia
Die naive Vorstellung vom Sozialstaat ist, dass man Hilfe bekommt, wenn man sie braucht. Zutreffend ist, dass man Hilfe bekommt, wenn man bei der richtigen Stelle den richtigen Antrag auf die richtige Hilfe gestellt hat, alle Voraussetzungen für diesen Antrag erfüllt, und die zuständige Mitarbeiterin das einsieht, (und die Hilfe auch real existiert, dazu später). Bei der Antragstellung hilft einem niemand, auch wenn man halb tot ist. Spätestens während Sie im Krankenhaus liegen, sollten Sie wissen, von wem Sie was kriegen wollen oder müssen. Sie müssen das nötige Vokabular kennen, wie zum Beispiel, „geriatrische Frührehabilitation“, und Sie sollten einen Plan haben, wann Sie wo welchen Antrag stellen.
Beispiel. Wenn Sie ein paar Wochen im Bett gelegen haben, bilden sich Ihre Muskeln zurück. Ihr Kreislauf leistet nur noch die Hälfte. Was Sie jetzt brauchen, nennt sich „Anschluss-Heilbehandlung (AHB)“ und „Rehabilitation“. Dafür gibt es spezielle Einrichtungen, in denen Sie täglich Physiotherapie, Bewegungsbad und Ähnliches bekommen, um sie möglichst schnell wieder fit zu machen. Am besten natürlich möglichst bald nach dem Krankenhausaufenthalt. Dafür muss man einen Antrag bei der Krankenkasse stellen. Für die Verordnung, die man dafür braucht, ist der Sozialdienst des Krankenhauses vorgesehen, solange Sie im Krankenhaus sind. Allerdings verdienen die Krankenhäuser mit ihrem Sozialdienst keinen Cent, die Leistungen des Sozialdienstes fließen in keiner Weise in die Bezahlung der Krankenhäuser ein. Für 10-20 Patienten, die an einem Tag entlassen werden, ist höchstens eine Mitarbeiterin zuständig. Sie können sich vorstellen, wie schwierig es ist, die eine Patientin von 15 zu werden, um die sich der Sozialdienst kümmert.
Wenn Sie nicht diese glückliche Person sind, ist Ihre Hausärztin zuständig, die Verordnung zu erstellen, nachdem Sie draußen sind. Sie kann sie auch vorher erstellen, wenn Sie eine geplante OP haben, statt, wie ich, einen Unfall. In allen Fällen muss dann der Antrag bei der Krankenkasse gestellt werden, und die Krankenkasse muss dem Antrag zustimmen, bevor Sie in die Reha Einrichtung gehen können. Die Krankenkasse wird den Antrag an den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) zur Stellungnahme weiterleiten. Der MDK fordert dann von Ihrer behandelnden Ärztin und vom Krankenhaus Informationen an, nach deren Eingang schreibt der MDK ein Gutachten, nach Eingang des Gutachtens entscheidet die Krankenkasse. Dieser bürokratische Prozess ist in meinem Fall noch nicht abgeschlossen, er dauert bisher 12 Wochen, in denen ich darauf warte, rehabilitiert zu werden. Denkbar ist eine Ablehnung, mit erforderlichem Widerspruch und einer anschließenden Klage beim Sozialgericht mit Antrag auf einstweilige Verfügung. Das ist einer von drei langwierigen Verwaltungsverfahren, auf deren Erledigung ich derzeit warte.
Ich habe nie die kleinste Klage geführt über die zehntausenden Euro Mitgliedsbeiträge an die Krankenkasse, die ich bezahlt habe, solange ich gearbeitet habe, ohne dass ich größere Kosten verursacht hätte. Andererseits habe ich keine Bedenken, in Anspruch zu nehmen, was mir zusteht. Es kostet allerdings Zeit und Arbeit, erfordert erhebliches Know-how, dass ich mir erst aneignen muss. Dabei muss ich aufpassen, mich nicht zu verzetteln.
Zum Beispiel bin ich mit einem selbst bezahlten Taxi vom Krankenhaus nach Hause gefahren, obwohl ich Anspruch auf Krankenwagen auf Kosten der Krankenkasse hatte. Da stand der Aufwand zur Durchsetzung in keinem Verhältnis zum möglichen Erfolg. Solange ich keine Reha bekomme, gehe ich ins Fitnesscenter, ich kann es mir leisten, und mache Physiotherapie, das verschreibt mir mein Hausarzt.
Ansprüche und nichts dahinter
Bevor Sie einen Antrag stellen, die Leistung einer Sozialversicherung zu bekommen, sollten Sie sich informieren, ob es die Leistung wirklich gibt. Oder ob das, was Sie brauchen, was auch im Gesetz und in bunten Broschüren steht, nur auf dem Papier existiert. Dazu ist es unbedingt erforderlich, Kontakt zu anderen Betroffenen zu bekommen, die vor Ihnen in derselben Lage waren. Beispiele: ich habe mir vom Arzt häusliche Krankenpflege verschreiben lassen, nachdem ich in extrem pflegebedürftigem Zustand aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen wurde. Ich fand keine Dienstleister, die die Krankenkasse bezahlt hätte, die bereit waren, mit dieser Verordnung zu arbeiten. Vielmehr verlangten sämtliche roten Kreuze, Diakonie, AWO und Private von mir, dass ich eine Pflegestufe beantrage. Die Voraussetzungen sind aber sehr unterschiedlich, ich war nur ein paar Wochen pflegebedürftig. Mein Zustand gab die Pflegestufe nicht her, mit der ich die Leistungen, die ich damals brauchte, bezahlt bekommen hätte. Realistisch wäre gewesen, zur Kurzzeitpflege in ein Altenheim zu gehen. So etwas sollte man rechtzeitig wissen. Man bekommt nur etwas, wenn man eine Übereinstimmung der Interessen zwischen sich selbst und der behandelnden Institution erreichen kann.
Ich habe mir vom Arzt Physiotherapie verschreiben lassen, mit Hausbesuch, als ich noch nicht in der Lage war, die Wohnung zu verlassen. Das hätte ich mir sparen können. Die einzigen, die zu Ihnen nach Hause kommen, sind der kassenärztliche Notdienst (116117) und die Feuerwehr (112).
ÄrztInnen sind Mimosen oder: Das System hat Recht
Um behandelt zu werden, wie Sie es brauchen, müssen Sie immer erst Ihren Arzt oder Ihre Ärztin überzeugen. Allerdings ist es deren Job, am besten zu wissen, was gut für Sie ist. Allzu selbstsicheres Auftreten führt oft dazu, dass man keine Chance mehr hat, zu bekommen, was man benötigt, vor allem bei der Fachärztin. Am besten ist, Ihre Ärztin kommt selbst darauf, dass das passieren sollte, was Sie möchten. Dazu muss man das System und seine Denke verstehen, die Gewohnheiten, Vokabeln und ökonomische Anreize. Dazu braucht man viel Zeit, in der erst einmal nicht passiert, was man möchte. Vermutlich kommt man nicht daran vorbei, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen, wenn man dauerhaft Patientin oder Patient ist.
Schlussfolgerung
In einer Situation, in der man nicht besonders gut denken kann und ziemlich viel Hilfe braucht, muss man lernen, lernen, lernen. Es wäre gut, wenn es professionelle Beratung gäbe, die einem in diesem Dschungel den Weg weist. Wie zum Beispiel den Sozialdienst im Krankenhaus. Solche Leistungen werden natürlich als erste gekappt, wenn man sparen will. Ich kann also allen Boomern nur empfehlen, so früh wie möglich die zuständige Selbsthilfegruppe und die richtige Fachliteratur zu finden, wenn man es vermeiden möchte, die Erfahrung zu machen, dass wir mit einem Rückfall in die Barbarei konfrontiert sind.
Dies ist der zweite Teil eines Erfahrungsberichts, der erste Teil mit eher technischen Inhalten („Erfahrungsbericht eines multimorbiden Datenschützers“) ist hier.
Kurze Info: die meisten ÄrztInnen kennen sich selber im Dschungel des SGB nicht aus und können deswegen gar nicht helfen! Wenn ein Antrag nicht durchgeht, liegt das oft an einen falschen Wort oder Kreuz des ausfüllenden Arztes…
wir benötigen hierzu fähige Lotsen im Gesundheits- und Sozialsystem. Das war bereits mal angedacht (Sozialmediziner) wurde aber nie umgesetzt.. Leider…
Lg von einer Sozialmedizinerin
Gruselig die Vorstellung, als unbedarfter Mensch in so eine Situation zu kommen. Und Danke für die Tipps im Text.