Wir brauchen die Mehrdenker-Bewegung

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende bei der Pandemie-Bekämpfung

Die von Querdenkern vorgeschlagene Strategie, nur die Alten und Anfälligen zu isolieren, ansonsten der Pandemie freien Lauf zu lassen, ist unmenschlich und unrealistisch. Man wird die meisten Familien nicht dazu bringen, zu Weihnachten oder beim Geburtstag die Omas und Opas nur im Freien zu treffen. Das wird von diesen „Strategen“ ernsthaft vorgeschlagen und ist eine Bedingung dafür, dass ihr Vorschlag funktionieren kann. Man wird die Familien- und Gemeinschaftsbande zwischen Jung und Alt nicht so schnell und wirksam zerstören, wie es dieser Vorschlag fordert. Was dabei in Wirklichkeit herauskommt, ist das Massensterben der Verwundbaren. Die Wahrnehmung dieses Massensterbens führt zur Selbstisolierung breiter Massen, das ist auch für „die Wirtschaft“ nicht unbedingt besser, als ein Lockdown. Siehe USA.

Der „Lockdown light“ aber bringt zu wenig. Er führt nicht zum Rückgang der Zahl der Neuinfizierten, sondern nur zur Stabilisierung dieser Zahl auf dem heutigen Niveau von weit über 50 Infizierten pro Woche und 100.000 Einwohnern. Wir müssen dann immer von einer Dunkelziffer in gleicher Höhe ausgehen. Das würde aber bedeuten: um eine unkontrollierbare Epidemie und die Überlastung des Gesundheitsbereichs zu verhindern, müsste man diesen „Lockdown light“ mindestens bis zum Mai 2021 verlängern. Sechs Monate kein Sport, keine Kultur, heißt das für viele.

Ziel muss es sein, alle Infizierten zu finden und zu isolieren und so den Virus auszurotten, wie in Neuseeland und China geschehen. Dazu muss zunächst ein „harter“ Lockdown stattfinden, damit die Zahl der Infizierten wieder in eine Größenordnung fällt, die wirklich kontrolliert werden kann. Dieser „harte“ Lockdown muss Kindergärten, Schulen und Hochschulen sowie die Wirtschaft einbeziehen und ca. 3 Wochen dauern. Danach sollten wir während eines weiteren, dreiwöchigen „Lockdown light“ alle Infizierten identifizieren und isolieren, insbesondere durch Massentests. Das ist der wirklich schwierige Teil, denn es hat in Deutschland bisher noch nie funktioniert, es muss also langfristig vorbereitet werden. Nach sechs Wochen könnten wir virusfrei sein und Sport und Kultur wieder freigeben. Dann müssten wir nur noch dann neue Maßnahmen starten, wenn wieder einzelne Infizierte gefunden werden.

Haupt-Hindernis dabei ist die naturgegebene Kurzsichtigkeit des menschlichen Denkens (Wunschdenken). Danach ist natürlich kein Lockdown am besten, Lockdown light vielleicht richtig und ein harter falsch. Was jetzt stattfindet, ist die Wirtschaft langfristig zu schädigen, um sie kurzfristig zu unterstützen. Wir werden damit leben müssen, (wie es bei vergleichbaren Sachverhalten wie der Versorgung mit sauberem Wasser auch war), dass wir nicht jede und jeden überzeugen können, bevor etwas zeitweise Hartes und Schwieriges getan wird. In der Demokratie sollte es reichen, die Mehrheit zu überzeugen, die Minderheit sollte sich dem Votum der Mehrheit beugen.

Wissen und Erkenntnis sind eine Folge von Versuch und Irrtum. Das gilt auch für kollektives Handeln. Es gibt Dinge, die kann eine Einzelperson nicht erreichen, sondern nur ein Kollektiv, wie z.B. eine Partei, ein Verein, ein Land oder die Menschheit. Dazu gehört eine erfolgreiche Corona-Strategie. Wenn sich niemand an Vorgaben hält, wird man nie erlernen, welche Vorgaben richtig wären. Versuch und Irrtum sind auch für kollektive Lernprozesse der Weg zur Wahrheit. Sie erfordern Disziplin.

Für die Koordination kollektiven Handelns braucht es Verantwortliche, denen zu vertrauen ist. Erst durch kollektives Handeln kann es zum kollektiven Lernen kommen. Das Vertrauen muss somit zuerst da sein. Dazu gibt es den demokratischen Prozess. Ihn müssen wir wiederbeleben, damit der Vorschlag funktionieren kann.

2 Gedanken zu „Wir brauchen die Mehrdenker-Bewegung“

  1. Auch von meiner Seite ein Dankeschön für den Debattenbeitrag, der zumindest geeignet ist, einen verengten Blick zu weiten, aber inhaltlich kann das so nicht stehen bleiben.

    Ich frage mich als erstes, wieso Battacharya, Gupta und Kulldorf (die Initiatoren der Great Barrington Declaration) nun plötzlich Querdenker und nicht renommierte Epidemilogen sind? Zumindest von Battacharya weiß ich, dass er von Anfang an wichtigen Seroperävalenzstudien gearbeitet hat, unter anderem die Santa-Clara-Studie, die schon im April den Wert der Infektionssterblichkeit für SARS-CoV-2 auf einen Wert festlegte, der mittlerweile auch von der WHO kommuniziert wird. Ich finde, man sollte solche Leute nicht diffamieren, sondern sich ernsthaft mir ihrem wissenschaftlichen Background befassen. Ebenfalls übernommen hat die WHO mittlerweile die von den Autoren vertretene Auffassung, dass Lockdowns nicht das Mittel sein sollten, mit der die Pandemie in erster Linie kontrolliert werden soll:

    https://www.news.com.au/world/coronavirus/global/coronavirus-who-backflips-on-virus-stance-by-condemning-lockdowns/news-story/f2188f2aebff1b7b291b297731c3da74

    Der Grund ist simpel: Ein Lockdown verlängert den verlauf einer Epidemie und damit auch die Zeit, in der die Vulnerablen gefährdet sind. Daher ist es so, dass der Lockdown inhuman ist, weil er bedingt, dass die Vulnerablen länger isoliert sind. Ich persönlich finde es auch nicht gut, Menschen zwangszuschützen. Ein bessere Versorgung mit Vitamin D ist wohl eine gute Idee, ansonsten sollte gerade ein älterer Mensch entscheiden können, ob er seine Enkel sehen will.

    Die Neuinfiziertenzahlen können auch nicht unkommentiert stehen bleiben. Es ist ohnehin bekannt, dass bei einem Test mit einer möglicherweise sogar kleinen Falschpostitiv-Rate bei niedriger Durchseuchung die Vorhersagekraft sehr schlecht ist. Sogar der Bankaufmann hatte das mal in einem lichten Moment im Juni verstanden und erklärt, dass man nicht anfangen dürfe, millionenfach zu testen, weil man dann ja plötzlich zu viele falsch Positive bekäme. Diese Falschpositivrate kann selbst bei perfekt ausgeführtem Test dann schnell über 50 % und höher steigen. Es ergibt daher sogar ín einer mathematisch perfekten Welt keinen Sinn, der Strategie “testen, testen, testen” zu folgen. Wir leben aber noch nicht einmal in einer mathematisch perfekten Welt und daher ist die Situation noch viel schlimmer. Im Oktober 2020 fiel das Labor Augburg MVZ mit einer sensationellen Fehlerquote von 97 % auf (https://www.br.de/nachrichten/bayern/probleme-in-augsburger-labor-bringen-falsche-testergebnisse,SEh5Qq4). Der Grund: Das Labor bekam auf dem Markt nicht die Originalchemie für seine PCR-Maschinen und wich auf ein (offenbar nicht sonderlich kompatibles) Alternativprodukt aus. Ein Einzelfall? Wohl eher nicht, wenn man den internen Lagebericht des BMG vom 28. 10. 2020 liest. Dort steht auf Seite 33: “In der 42. KW wurde von 52 Laboren ein Rückstau von insgesamt 20. 99 abzuarbeitenden Proben gemeldet. 37 Labore berichteten über Lieferschwierigkeiten für Reagenzien (in der 41. KW 32 Labore).” Als ein Mitglied der Zunft, die die Welt in Zahlen und Formeln fasst, werde ich hier zumindest stutzig und muss zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass das komplette täglich berichtete Zahlengerüst von vorn bis hinten falsch ist. Hier vermisse ich eindeutig eine Fehleranalyse auf Seiten unserer Regierung. Im Physikstudium lernt man so etwas im Anfängerpraktikum.

  2. Danke für diesen Beitrag!

    Festzustellen ist: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind umstritten. Und das ist auch gut so!

    In einer demokratischen Gesellschaft muss offen diskutiert werden, wie wir mit dieser gewaltigen, durch das Corona-Virus verursachten Herausforderung umgehen.

    1.
    Wie wir damit umgehen, dass sich das Leben jedes Menschen verändert hat durch die Pandemie.

    2.
    Wie wir damit umgehen, den notwendigen Schutz zu organisieren und gleichzeitig elementare Freiheitsrechte schützen.

    3.
    Wie wir die Lasten, die sich als Folge der Eindämmungsmaßnahmen ergeben, sozial gerecht verteilen.

    4.
    Wie wir für den Schutz derer sorgen, deren ökonomische Existenz gefährdet ist.

    5.
    Wie wir mit den einschneidenden Folgen im Alltag (z. B. Einsamkeit) umgehen, mit der Tatsache, dass Menschen unglücklich werden an den notwendigen Maßnahmen.

    6.
    Und noch vielen anderen Problemen mehr.

    Das muss Gegenstand öffentlicher und kontroverser Debatten sein, die nicht abgewürgt werden dürfen.

    Gemeinsamkeit lässt sich nicht verordnen, sie muss im Zweifel in der Diskussion über die verschiedenen Argumente und Alternativen erreicht werden.

    Was wir aber überhaupt nicht brauchen sind Aktionen von Personen und Gruppierungen, die die Existenz des Corona-Virus in Abrede stellen und die hinter den von Bund, Ländern und einzelnen Städten und Landkreisen verordneten Corona-Eindämmungsmaßnahmen nicht mal richtige und mal weniger sinnvolle Entscheidungen sehen wollen, sondern eine große Verschwörung behaupten.

    Wer falsche Informationen, Lügen und Verschwörungserzählungen verbreitet, beteiligt sich nicht an einer öffentlichen Debatte mit dem Ziel, einen Austausch über Positionen herzustellen sondern mit dem Ziel, die notwendige Debatte entweder zu manipulieren oder sie zerstören.

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